1. Woran erkennt man eine Stärke?
Fragt man Menschen nach ihren Stärken, nennen sie fast immer das Falsche.
Sie nennen, was sie sich mühsam erarbeitet haben. Die Fremdsprache, das Fachwissen, die Zertifikate. Was sie von Anfang an konnten, lassen sie weg. Sie sehen es schlicht nicht.
Dafür gibt es drei Gründe.
1️⃣ 𝗞ö𝗻𝗻𝗲𝗻 𝘃𝗲𝗿𝘀𝗰𝗵𝘄𝗶𝗻𝗱𝗲𝘁 𝗮𝘂𝘀 𝗱𝗲𝗺 𝗕𝗲𝘄𝘂𝘀𝘀𝘁𝘀𝗲𝗶𝗻
Beim Autofahren merkt das jeder. Am Anfang sind Kupplung, Spiegel und Blinker drei Aufgaben. Nach zwei Jahren ist es ein Vorgang, über den niemand nachdenkt.
Dasselbe passiert mit Fähigkeiten im Umgang mit Menschen. Wer im Gespräch sofort spürt, dass ein anderer innerlich ausgestiegen ist, hat das nicht geprüft. Es ist ihm aufgefallen.
Was automatisch abläuft, wird nicht als Leistung erlebt. Es wird gar nicht erlebt.
Deshalb können Fachleute oft schlecht erklären, was sie tun. Sie unterschätzen, wie schwierig ihre eigene Tätigkeit für andere ist (Hinds, 1999).
2️⃣ 𝗗𝗲𝗿 𝗠𝗮ß𝘀𝘁𝗮𝗯 𝗶𝘀𝘁 𝗺𝗮𝗻 𝘀𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁
Jeder Mensch hält seine eigene Ausstattung für den Normalfall. Wer schnell Ordnung in Unübersichtliches bringt, hält das nicht für eine Fähigkeit. Er denkt, die Sache sei eben übersichtlich gewesen. Wer sich Zahlen leicht merkt, hält Zahlen für einprägsam.
Erst der Vergleich macht den Unterschied sichtbar. Und der findet selten statt.
3️⃣ 𝗪𝗶𝗿 𝗺𝗲𝘀𝘀𝗲𝗻 𝗟𝗲𝗶𝘀𝘁𝘂𝗻𝗴 𝗮𝗻 𝗔𝗻𝘀𝘁𝗿𝗲𝗻𝗴𝘂𝗻𝗴
Wir bewerten das eigene Tun danach, wie viel es uns gekostet hat. Was Kraft verlangt hat, zählt. Was leicht ging, zählt nicht.
𝗞ö𝗻𝗻𝗲𝗻 𝗮𝗹𝗹𝗲𝗶𝗻 𝗶𝘀𝘁 𝗻𝗼𝗰𝗵 𝗸𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗦𝘁ä𝗿𝗸𝗲
Es gibt Dinge, die einem Menschen leichtfallen und ihn trotzdem leeren.
Wer gut präsentiert, muss es nicht gern tun. Er kann sicher wirken, gelobt werden und danach erschöpft sein. Können und Wollen sind zwei getrennte Ebenen und in der Diagnostik werden sie mit zwei getrennten Verfahren erfasst.
Eine Stärke braucht beides. Leichtigkeit und Energie. Fehlt die Energie, ist es eine Fähigkeit.
𝗪𝗼𝗿𝗮𝗻 𝗺𝗮𝗻 𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗦𝘁ä𝗿𝗸𝗲 𝗲𝗿𝗸𝗲𝗻𝗻𝘁
👉 Dort, wo jemand ungeduldig wird. Menschen verlieren die Geduld bei Dingen, die ihnen leichtfallen und anderen nicht.
👉 Dort, wo Lob abgewehrt wird. Wer auf ein Kompliment antwortet, das sei doch nichts Besonderes, sagt damit nichts über seine Bescheidenheit. Er sagt, dass er die Anstrengung nicht gespürt hat.
👉 Dort, wo jemand etwas tut, ohne dass ihn jemand darum gebeten hat. Was ohne Auftrag geschieht, geschieht aus Neigung.
Wer nach Stärken fragt und die Antwort für die Wahrheit hält, erfährt vor allem eines: woran ein Mensch hart gearbeitet hat.
Das ist etwas anderes als das, was er mitbringt.